Victor erklärt mir Moskau: Wer Geschäfte machen will, muss hierher – Holz aus den Wäldern, Diamanten aus dem Fernen Osten, alles läuft über diese Stadt. Draußen im Land verdienen die Leute 200 Euro im Monat, hier sind es tausend bis dreitausend. Abends stehen zwei Frauen in der Tür, Pelzmäntel aus, High Heels aus der Handtasche. Victor redet über seine Freundin, als wäre sie nicht im Raum – sie versteht ja kein Englisch. Ich sitze derweil mit einer Gynäkologin auf der Couch, die 200 Euro verdient und nebenher Abtreibungen macht. Und nachts in der Küche lerne ich, wer hier wen unterschätzt.

Am nächsten Tag kommt Victor früher nach Hause. Wir gehen kurz in den Supermarkt um die Ecke, um Essen zu kaufen. Die Preise sind gesalzen, teilweise sind sie sogar höher als im Big Apple.

»Moskau ist eine der teuersten Städte der Welt«, meint Victor. Er erklärt mir, dass Russland zentralistisch aufgebaut ist und Moskau im Mittelpunkt steht. Wenn man Geschäfte machen will, muss man nach Moskau, egal, ob man Holz aus dem tropischen Regenwald oder Diamanten aus dem Fernen Osten verkauft. So kommen regelmäßig eine Menge reiche Geschäftsleute in die Stadt. Viele haben mittlerweile sogar eigene Wohnungen und Büros hier. Draußen auf dem weiten Land gibt es nichts. Wenn die Menschen dort überhaupt Arbeit finden, verdienen sie nicht mehr als 200 Euro im Monat, während sie hier in der Stadt zwischen 1000 und 3000 Euro bekommen können. Und hier besteht eben auch die Möglichkeit, Karriere zu machen. Gerade junge und hübsche Mädchen suchen einen reichen Mann, der sie heiratet oder als Mätresse nebenher hält und für sie bezahlt. Auf den Märkten und in den Randbezirken der Stadt kann man zwar günstig einkaufen, aber im Zentrum wohnen meist die Reichen und die Mittelklasse. Dementsprechend teuer ist das Leben hier.

Moskauer bezeichnen alles bis hin zum dritten Autobahnring als Zentrum, obwohl man als Europäer eher den Bereich innerhalb des ersten Rings, den sogenannten Gartenring, für das Zentrum hält. Im größten Land der Erde sind die Dimensionen eben anders. Offiziell hat Moskau mittlerweile um die 11 Millionen Einwohner und ist damit schon die größte Stadt Europas. Allerdings, erzählt mir Victor, kommen noch ein paar Millionen illegale Einwanderer und Russen aus anderen Regionen hinzu, die meist in den Vorstädten wohnen und als Taxifahrer, Arbeiter oder eben auch als Kriminelle ihr Glück suchen.

Daheim angekommen, kochen Victor und ich Tee. »Die Russen mögen keinen Kaffee«, sagt Victor in leicht abfälligem Ton. Das ist eigentlich immer so, wenn er über Russen spricht. Dabei lag Victor bei mir bis jetzt selbst in der Russenschublade, denn in New York habe ich ihn durch eine Gruppe Russen kennengelernt. Er spricht außerdem fließend Russisch und sieht mit seinem slawischen Gesicht und den teuren Designerklamotten typisch russisch aus. Wenn man ihn darauf anspricht, empört sich Victor und stellt schnell klar: Er ist in erster Linie Jude, und Juden hatten es im Kommunismus nicht leicht. Nach der Perestroika konnten es gerade die Jungen unter ihnen nicht erwarten, auszuwandern, und viele nutzten die Gelegenheit, um nach Israel zu gehen. Victor kommt ursprünglich aus Litauen, ist dann nach Israel gezogen und hat erst dort studiert, dann in den USA. Heute hat er einen litauischen und einen israelischen Pass. Nach dem Studium durfte er in den Staaten bleiben und startete seine Karriere als Banker. »Gerade als ich anfing, ein bisschen Geld zu machen, begann die Krise«, erklärt er mir. »Deswegen bin ich dann schnell der Einladung einer Moskauer Investmentbank gefolgt.«

»Und? Verdienst du jetzt gut?«, frage ich. Victor mag diese direkten Fragen nicht. Er wirkt verlegen, doch der Zufall kommt ihm zu Hilfe. Es klingelt an der Türe.

»Ah, das sind die Mädels.«

»Was für Mädels?«, frage ich.

»Hab‘ ganz vergessen, dir Bescheid zu sagen. Meine Freundin kommt vorbei, und sie bringt eine Bekannte für dich mit.«

»Du hast eine Freundin?«

Das hätte ich nicht erwartet, nachdem Victor in den letzten Tagen keine Gelegenheit ausgelassen hat, Telefonnummern von wildfremden Mädchen zu sammeln.

Victor bleibt die Antwort schuldig und macht den Frauen auf. Im Gang spielt sich das übliche Prozedere ab: Die Mädchen ziehen ihre schweren Pelzmäntel aus und legen Schal, Mütze und Handschuhe ab. Dann gehen beide ins Badezimmer, um sich schön zu machen. Victor kommt in der Zwischenzeit zurück in die Küche und grinst über beide Ohren.

»Da hast du Glück gehabt. Ihre Bekannte sieht besser aus als sie«, meint er. Ich nicke nur. Wie Victor über Frauen spricht, macht mich immer sprachlos. Eigentlich bin ich kein Kind von Traurigkeit und habe schon einiges erlebt. Doch in Moskau komme ich irgendwie nicht in die Gänge. Ich weiß nicht, ob es die Fremde ist oder die billige Anmache oder die Tatsache, dass die Mädels darauf einsteigen.

»Heute wird das was. Die legst du flach!«, befiehlt Victor. »Jetzt bist du schon fünf Tage hier und hast immer noch keine klargemacht.« Draußen tut sich etwas. Die Mädels kommen aus dem Badezimmer. Beide tragen modische Kleider, wie für den Klub oder ein feines Restaurant, nicht für zu Hause. Von der Küche aus kann ich einen Teil des Gangs sehen. Ich bin überrascht, als ich sehe, wie die beiden ihre großen Handtaschen aufmachen, jeweils ein Paar High Heels rausholen und sie anziehen.

»Die Frauen hier sind immer topmodisch«, sagt Victor. Auch zu Hause müssen sie gut aussehen, gerade wenn es um ein Date mit einem Investmentbanker und seinem Freund geht. Nach einem Stylecheck im Spiegel betreten die Mädels die Küche und werden mir vorgestellt. Ich komme mir irgendwie schlampig und underdressed vor, denn ich sitze mit weiter Jeans und lässigem T-Shirt am Tisch. Am schlimmsten sind Victors Gäste-Hausschuhe. Die könnte auch mein Großvater besessen haben.

»Das ist Victoria, meine Freundin«, sagt Victor. »Und das ist ihre Bekannte, Marina.«

Ich stelle schnell fest, dass Victoria kein Englisch spricht. Marina kann ein paar Brocken, und wir können wenigstens ein bisschen reden. Victoria, erfahre ich, ist Mitte zwanzig und stammt aus einer Stadt 500 Kilometer südöstlich von Moskau. Sie hat BWL studiert und arbeitet jetzt für eine Versicherung. Dort verdient sie um die 1000 Euro. Das ist nicht viel, wenn man nicht aus Moskau kommt und die horrenden Mieten zahlen muss. Da kommt ein Investmentbanker wie Victor gerade recht. Der macht großzügige Geschenke, zahlt fürs Ausgehen und geht mit ihr einkaufen. Wenn sie Glück hat, lädt er sie sogar in den Urlaub ein. Das alles ist in Moskau nicht unüblich. Es gehört zur russischen Kultur, dass Männer Frauen teure Geschenke machen. Je teurer das Geschenk, desto größer die Liebe und umso größer die Zuneigung der Frau. Victoria hat braune Augen und braunes lockiges Haar. Sie ist eigentlich ganz hübsch. Ihr Kleid ist ein teures Original oder eine gute Kopie von Dolce & Gabbana mit tiefem Ausschnitt. Sie hat schöne lange Beine und trägt halterlose Strümpfe, deren spitzenbesetztes Ende kurz aufblitzt, als sie die Beine übereinanderschlägt. Am Ende der endlosen Beine sind modische High Heels mit den längsten Absätzen, die ich je gesehen habe. Victoria erwischt mich dabei, wie ich sie mustere, und grinst frech. Das Gesicht ist freundlich, hat aber auch etwas Verruchtes. Sie trägt eine Menge Make-up, aber das ist ebenfalls normal in Russland.

»O Mann, diese russischen Frauen«, denke ich. »Das sind schon besonders hübsche Wesen. Oder vielleicht doch eher sexy? Irgendwie auch ein bisschen nuttig. Nein, nicht die vulgäre Form. Eher wie ein First-Class-Callgirl.«

Marina entschuldigt sich und geht kurz auf die Toilette.

»Eigentlich finde ich sie nicht so toll«, meint Victor.

»Wen?«, frage ich.

»Die da«, sagt Victor und nickt falsch grinsend zu Victoria. »Aber sie ist gut im Bett, und ich sollte eine Freundin haben, die im Haushalt behilflich ist und mir ein bisschen Stabilität bringt. Sonst würde ich ja nur noch rumficken.«

Ich bin schockiert über Victors Offenheit vor Victoria.

»Keine Angst«, sagt der. »Die versteht nichts. Sie kann doch kein Englisch.«

Ich bin still und nicke. »Vielleicht wird man so, wenn man eine Frau nach der anderen konsumiert«, denke ich.

»Frauen gibt es hier wie Sand am Meer«, sagt Victor. »Es ist verrückt. Kaum schickst du eine nach Hause, steht schon die nächste vor der Tür. Es kommen immer neue. Sie werden jünger und jünger. Alle sind hübsch und wissen, was sie zu tun haben. Sie stammen aus der Vorstadt oder aus den Regionen. Es gibt unaufhörlich Nachschub.«

»Wahnsinn«, denke ich. Das ist langsam nicht mehr real.

Marina ist zurück. Ich bin noch nicht richtig warm geworden mit ihr. Sie hat blonde lange Haare und trägt ein Kleid im gleichen Stil wie Victoria. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ob sie ebenfalls halterlose Strümpfe anhat.

»So, wir lassen euch jetzt allein«, meint Victor und geht mit seiner Freundin ins Schlafzimmer.

»Sollen wir rüber ins Wohnzimmer?«, frage ich Marina. »Dort ist es bequemer. Willst du einen Drink? Etwas anderes als Tee?«

»Nein, danke, ich trinke nicht«, antwortet sie.

Ich nehme sie an der Hand und führe sie ins Wohnzimmer. Dort sitzen wir auf der Couch und reden. Marina ist 27 und arbeitet als Ärztin in einer Frauenklinik. Als Gynäkologin verdient sie dort 200 Euro im Monat. Daheim wartet ein sechsjähriger Sohn auf sie.

»Wie kommst du mit so wenig Geld in Moskau zurecht? Und wo ist der Vater?«, frage ich.

»Wir haben eine Wohnung am Stadtrand. Die gehört meiner Familie, also müssen wir keine Miete zahlen. Der Vater ist schon lange weg. Er war ein Loser, und ich habe ihn verlassen.«

»Zahlt er für den Kleinen?«

»Nein. Ich weiß nicht mal, wo er ist. Hab‘ seit Jahren nichts mehr von ihm gehört. Ich verdiene gerade genug, um uns beide durchzubekommen. Ich mache nebenher in der Klinik Abtreibungen. Das wird hier oft gebraucht. Gerade in der Vorstadt.«

Aus dem Schlafzimmer nebenan hören wir plötzlich lautes Stöhnen. Es wird lauter und lauter. Nein, es ist nicht Victoria, die da stöhnt, sondern Victor. Ich gerate ein wenig unter Zugzwang, lege meine Hand auf Marinas Knie und streichle es. Langsam fahre ich mit der Hand ihr Bein hinauf. Sie sieht mich wartend an. Das Stöhnen im Nachbarzimmer wird noch lauter, und man hört mittlerweile auch das Bett gegen die Wand knallen. Wir schauen uns an und müssen plötzlich lachen. Irgendwie mag ich Marina, doch eine erotische Spannung gibt es zwischen uns beiden nicht. Ich merke, dass meine Hand auf ihrem Oberschenkel fehl am Platz ist und diese Frau mehr Respekt verdient. Sie ist eine alleinerziehende Mutter und schlägt sich durch, mit dem Kampfeswillen einer Löwin. Wahrscheinlich könnte ich sogar mit ihr schlafen, aber das fühlt sich einfach nicht richtig an. Langsam nehme ich meine Hand von ihrem Schenkel. Sie dankt es mir mit einem offenen und netten Lächeln.

»Willst du noch einen Tee?«, frage ich.

»Nein, ich glaube, ich fahre jetzt nach Hause. Mein Kleiner wartet auf mich. Er ist allein, und es ist schon spät.«

Marina wechselt die Schuhe und packt sich dick für den Winter ein. Ich bringe sie noch hinunter zur Straße, besorge ihr ein Taxi und zahle die Fahrt hinaus in die Vorstadt. Bevor sie einsteigt, küsst sie mich zärtlich auf die Wange.

»Du bist ein Guter. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Stadt etwas für dich ist. Leb wohl. Ich hoffe, wir sehen uns einmal wieder«, flüstert sie mir ins Ohr.

Als ich zurück in die Wohnung komme, ist es ruhig. Ich trinke ein Bier, sehe aus dem Fenster und lasse meine Gedanken schweifen. Russland ist ein hartes Land. Nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen der Lebensumstände. Nein. Moskau ist keine Stadt für mich. Abgesehen von der anderen Kultur und dem schamlosen Konsumieren muss man hier eine Menge Geld verdienen, um das Leben genießen zu können. Ich suche mir lieber eine andere Stadt. Vielleicht gehe ich auch zurück nach New York …

Ich schaue auf die Uhr. Es ist Zeit, ins Bett zu gehen, aber vorher mache ich mir noch eine Tasse Tee. Während ich warte, bis das Wasser kocht, kommt Victoria in die Küche. Sie ist in Unterhose und hat ein T-Shirt darüber.

»Machst du mir bitte auch einen?«, fragt sie auf Englisch.

»Was? Du sprichst Englisch?« Ich bin überrascht.

»Oh, da hab ich mich wohl verplappert. Ja, ich hatte während meines Studiums mehrere Kurse in Geschäftsenglisch. Aber sag bitte Victor nichts davon. Er würde sich wahrscheinlich schämen.«

Da bin ich zwar anderer Meinung, aber es ist wohl besser, ich mische mich nicht in seine Angelegenheiten ein.

»Keine Angst. Wo ist Victor?«, frage ich.

»Der ist fix und fertig und schläft.«

Victoria grinst zufrieden. Danach sitzen wir zusammen am Tisch und unterhalten uns eine Weile. Ihr Englisch ist perfekt.

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Aufbruch

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