Zwei Tage später. Wir sind mit den beiden Rich Kids vom Shambala zur R ’n‘ B-Nacht im Garage Klub verabredet. Vor der Tür stehen wieder außergewöhnliche Autos. Dieses Mal sehen sie aus, als kämen sie direkt aus einem Playstation-Spiel. Japanische und amerikanische Streetracer, aufgemotzt bis zum Geht-nicht-mehr. Fast alle sind in Sonderfarben lackiert, einige mit aufwendigen Airbrush-Motiven verziert. Es ist kalt draußen, und es liegt Schnee. Aus den Autos dröhnt lauter Hip-Hop, die Türen sind offen, und drum herum stehen die Besitzer anderer Wagen und heiße Mädchen in viel zu knappen Klamotten. Im Klub selbst geht es noch ruhig zu, anscheinend findet das Warm-up draußen statt. Victors Freund ist Immobilienmakler und einer der Eigentümer des Klubs. Wir sitzen mit ihm am Tisch und sprechen über die wilden 90er-Jahre in Moskau. Victors Freund hat noch bis vor ein paar Jahren Red Bull in Russland vertrieben. Er erzählt, dass er eines Tages nach Hause kam und seine Wohnungstür aufgebrochen war. In der Wohnung warteten ein paar schwere Jungs und baten ihn freundlich, den Vertrieb des Energydrinks an sie abzutreten.
»Das war die Mafia«, sagt er. Es hatte keinen Sinn, sich zu wehren – er unterschrieb. Nun hat er ein besseres »kryscha«, meint Victors Freund.
»Kryscha?«, frage ich.
»Das heißt ›Dach‹, und damit ist der Schutz gemeint«, erklärt Victor. »Du kannst zwei Arten von ›kryscha‹ haben: den Geheimdienst, früher war das der KGB, heute heißt er FSB. Oder die Mafia. Am besten hast du Kontakte zu beiden. Du brauchst ein ›kryscha‹, wenn du Geschäfte machen willst.«
»Ab welcher Größenordnung?«, hake ich nach.
»Ich denke, du kommst auf deren Radar, meistens durch die Steuerbehörde oder deine Konkurrenz, wenn du mehr als 250 000 Dollar Jahresumsatz machst. Davor bist du für die eine zu kleine Nummer, und sie lassen dich in Ruhe, außer du störst die Geschäfte eines ihrer Schützlinge.«
»Interessant. Wie muss ich mir das konkret vorstellen?«
»Das ist wie eine Steuer. Du gibst einen gewissen Prozentsatz deines Gewinns oder Umsatzes ab. Manchmal ist es auch das ganze Geschäft, wenn es deren Aktivitäten stört oder sehr profitabel ist.«
Victors Freund fügt hinzu: »Ein Bekannter von mir hat in einer Stadt 300 Kilometer außerhalb von Moskau in einen Computertomografen investiert. Das war weit und breit das einzige Gerät und wurde so zur Goldgrube. Es dauerte nicht lange, bis sich das herumsprach und die Mafia bei ihm vor der Tür stand. Sie haben ihm das Ding einfach abgenommen. Gott sei Dank lief das Gerät lange genug, um die Anschaffungskosten wieder reinzuspielen. Er hat also kein Geld verloren, aber auch keins gewonnen.«
Dann kommen endlich unsere beiden Mädels zu uns an den Tisch. Sie bewegen sich anmutig wie Models, und ich frage mich, wie viele Stunden sie das wohl vor dem Spiegel geübt haben. Victors Freund verabschiedet sich. Er muss nach Hause zu seiner Frau, sagt er. Nastia und Sveta sehen noch besser aus als vor ein paar Tagen. Wir bestellen uns ein paar Drinks und reden. Leider ist die Unterhaltung oberflächlich, überheblich und mir einfach zu flach. Wir haben uns im Shambala zwar nur kurz getroffen, aber dort waren die Mädels ganz anders. Das muss wohl am Alkohol gelegen haben – entweder an meinem Pegel oder an ihrem. Nach einer Weile wird mir das Geplapper zu blöd. Ich beschließe, mich an die Bar abzusetzen. Erst mal, um mir einen Drink zu holen, aber vielleicht finde ich dort ja auch bessere Unterhaltung. Der Klub füllt sich langsam, aber es ist anscheinend immer noch zu früh. Na ja, es ist Sonntagnacht um halb eins. Was soll man erwarten? Victor meinte, der Klub sei ab ein Uhr voll. Mal sehen.
»Barkeeper! Bitte noch einen Wodka Red Bull.« An der Bar sitzen zwei Frauen. Eine Dunkelblonde mit guter Figur und Pagenschnitt und eine kleine Braunhaarige mit leicht asiatischen Augen. Soll ich sie ansprechen? Nee, da kommt sicher noch etwas Besseres. Der Barkeeper stellt mir meinen Drink an die Bar und redet dann mit den Mädels. Sie scheinen befreundet zu sein. Ich beschließe, noch ein bisschen so zu tun, als ob ich auf meinen Drink warte. Ich kann einfach nicht zurück an unseren Tisch.
Auf einmal steht Victor vor mir.
»Mann! Diese Weiber sind so blöd. Das geht gar nicht.«
Ich nicke.
»Was ist denn mit diesen beiden hier?«, fragt er. Ich zucke desinteressiert die Schultern, aber Victor wartet nicht mal meine Antwort ab, bevor er die beiden anspricht. Ich kann mir schon vorstellen, was er jetzt wieder für einen Blödsinn labert. Das ist Chris, Superstar, DJ, Hubschrauberpilot und so weiter. Nach fünf Minuten dreht er sich zu mir: »Das sind zwei Ballerinen aus dem Bolschoi-Theater. Klasse, oder? Welche von beiden willst du?«
»Wenn’s denn sein muss, nehme ich die Blonde«, antworte ich missmutig. Langsam geht mir die ewige Anmacherei auf die Nerven. Die Braunhaarige, erfahre ich, heißt Lili und ist die Tochter eines der größten Mafiabosse Russlands. Lili ist nicht besonders groß, ein bisschen kräftiger gebaut, und man würde auf den ersten Blick nicht denken, dass sie im besten Ballett der Welt tanzt. Sie hat einen russischen Popstar als Freund und gehört zur besseren Gesellschaft Moskaus.
Victor packt mich an der Hand und schiebt mich zur Blonden. »Das ist Julia, sie ist auch Ballerina am Bolschoi.«
Er sagt das so stolz, als kenne er Julia schon seit seiner Kindheit. Wir stellen uns vor und schütteln die Hände.
»So, Ballerina am Bolschoi. Ist das eine große Sache?«, frage ich. Sie belehrt mich sofort: »Das Bolschoi ist das beste Ballett der Welt.«
»Das sind Stars!«, fügt Victor hinzu.
»Ah, Entschuldigung. Ich bin Kunstbanause.« Sie nimmt’s gelassen. Dann füge ich beiläufig hinzu: »Aber ich hatte schon mal eine Ballerina als Freundin. Damals in New York. Sie war bei Alvin Ailey, aber das ist eher moderner Tanz.«
Victor stellt fest, dass die beiden reichen Gören weitergezogen sind. »Wollen wir uns wieder an den Tisch setzen?«, fragt er. Die beiden Mädels haben Interesse und kommen mit. Dann reden wir den Rest der Nacht.
Julia ist interessant, und mir ist zuerst gar nicht aufgefallen, was für einen Spitzenkörper sie hat. Sie ist 24 Jahre alt und tanzt bereits seit ihrer Jugend am Bolschoi. Ihre Mutter war selbst Primaballerina und trainiert sie jetzt. Ihr Stiefvater war der Direktor des Bolschoi, ist aber schon im Ruhestand. Außerdem hat Julia schon sechs Jahre in Valencia getanzt, bevor sie wieder zurückkam.
»Was? Freiwillig von Spanien nach Moskau?«, frage ich.
»Wie gesagt: Das Bolschoi ist die beste Gruppe der Welt, und Moskau ist nun einmal meine Heimatstadt. Ich wollte zurück, aber heute bereue ich den Schritt manchmal. Vielleicht wäre ich in Spanien glücklicher.«
Wie sich herausstellt, spricht Julia sehr gut Englisch und fließend Spanisch.
»Der Manager hier ist unser Freund«, erklärt sie. »Wir sind fast jeden Sonntag hier, denn übers Wochenende müssen wir tanzen. Unser freier Tag ist Montag.«
»Ah, das trifft sich gut. Ich arbeite morgen, und Chris fliegt am Mittwoch schon wieder zurück. Er könnte einen englischsprachigen Stadtführer brauchen«, meint Victor.
Julia ist von der Idee nicht so begeistert: »Mal sehen. Vielleicht«, antwortet sie nur.
Gegen drei Uhr in der Früh ist es Zeit, nach Hause zu gehen. Lili hat einen eigenen Fahrer, der draußen im schwarzen 6er-BMW auf sie wartet. Julia nimmt Victors Angebot an, sie nach Hause zu fahren. Er sitzt mit seinem Fahrer vorne, während ich hinten mit Julia rede. »Sehe ich dich noch einmal, bevor ich fahre?«, frage ich vorsichtig.
»Hier ist meine Nummer, ruf mich morgen an, und dann sehen wir mal.«
Als wir angekommen sind, steige ich zuerst aus und öffne ihr die Tür. Ihr gefällt das, und sie gibt mir zum Abschied ein Küsschen auf die Wange. Danach fahren wir zu Victor, und ich tippe ihr noch eine Gutenacht-SMS. Sie antwortet nicht.
»Und, wie findest du die?«, fragt Victor.
»Zuerst hatte ich gar kein Interesse. Aber als ich dann mit ihr gesprochen habe, habe ich gemerkt, wie schön und charmant sie ist. Und intelligent ist sie auch noch. Klasse Frau!«
»Na? Da ist aber einer verknallt, hm?«, kommt es von Victor zurück.
»Verknallt? Das wäre wohl übertrieben. Aber sie hat mir auf jeden Fall imponiert und ist das beste Mädchen, das ich bis jetzt in Moskau getroffen habe.«
»Na ja, vielleicht wird’s doch noch was mit deinem Moskau-One-Night-Stand …«
»Bin mir nicht so sicher. Sie meinte, sie hat einen Freund.«
»Das bedeutet hier nicht viel«, entgegnet Victor.
Am nächsten Tag rufe ich Julia an, aber sie geht nicht ans Telefon. Nach drei Versuchen gebe ich auf, ich will nicht aufdringlich sein. Victor ist am Abend enttäuschter als ich. Er will unbedingt, dass ich Sex habe, bevor ich zurück nach Spanien fliege. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er einen Freund sucht, mit dem er durch die Stadt ziehen und Frauen aufreißen kann. Deswegen würde es ihm ganz gut gefallen, wenn ich einen Grund hätte, nach Moskau zurückzukommen. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ein One-Night-Stand Grund genug wäre, in diese fürchterliche Stadt zu ziehen. Früher habe ich New York mit Sodom und Gomorrha verglichen, aber Moskau scheint tausend Mal schlimmer und viel dekadenter zu sein.
Am nächsten Tag schicke ich Julia wieder eine SMS. Ich würde sie wirklich gern sehen, bevor ich zurückfliege. Tagsüber ist jedoch Funkstille. Ich bin enttäuscht. Vielleicht hat Victor sogar recht damit, dass ich ein bisschen verknallt bin. Als Victor schließlich von der Arbeit kommt, gehen wir in ein Sushi-Restaurant. Von unterwegs ruft er Lili an und versucht, beide einzuladen. Als er auflegt, grinst er: »Die tanzen gerade noch, aber wir treffen sie nach ihrer Vorstellung und gehen auf einen Drink.«
Ich bin zufrieden und denke darüber nach, wie ich mich verhalten soll. Gegen elf treffen wir die Mädels in einer Bar. Ich flirte mit Julia wie ein Weltmeister und habe Erfolg. Erst nimmt sie meine Hand, dann kommen wir uns näher. Als Lili gehen will, ergreift Victor die Initiative und lädt beide noch zu sich ein. Lili und Julia kommen mit. Daheim trinken wir weiter. Victor unterhält Lili, damit sie nicht zu früh fährt. Als Julia und ich uns endlich küssen, geht Lili nach Hause und Victor ins Bett. Endlich haben wir Zeit für uns. Die Nacht wird durchgemacht! Wir haben Sex, und es ist der beste seit Langem. Danach liegen wir zusammen im Bett und reden. Wenn ich Julia im Arm halte, fühle ich, wie Energie zwischen uns beiden fließt. Das geht so weit, dass wir beide zu zittern beginnen und uns dann noch fester aneinanderdrücken.
Um acht Uhr muss sie gehen: »Ich muss um zehn beim Training sein und vorher noch nach Hause, mich fertig machen.«
»Wird’s denn gehen?«, frage ich mit schlechtem Gewissen.
»Es muss wohl, aber das war es wert«, schnurrt Julia zufrieden, und wir verabschieden uns mit einem langen Kuss. Danach packe ich meine Sachen. Währenddessen kommt Victor aus dem Schlafzimmer.
»Na endlich! Chris hat gepunktet. Das war aber auf den allerletzten Drücker.«
»Und nicht nur das …«, füge ich hinzu. »Jetzt bin ich tatsächlich ein bisschen verknallt. Die Frau ist einfach klasse und im Bett eine Granate.«
»Gut, dann kann ich dich ja beruhigt nach Hause schicken, oder?«
Eine Stunde später sind wir schon unterwegs zum Flughafen. Es schneit fürchterlich. Wieder fahren wir auf dem sechsspurigen äußeren Autobahnring, dem MKAD, vorbei an den Plattenbauten der Vorstadt. Unser Geländewagen schlingert um Lastwagen und langsame Ladas. Hin und wieder geht es auch über den Standstreifen, wenn sonst kein Vorbeikommen ist. Dort stehen zahlreiche liegen gebliebene Fahrzeuge, aber wir schaffen es immer wieder, gerade noch auszuweichen. Dabei kommt unser schwerer Wagen mehrmals ins Schlingern, aber der Fahrer bekommt ihn jedes Mal wieder unter Kontrolle.
Victor schweigt. Ich sehe von hinten auf den Tachometer und mache mir Sorgen. Nein, nicht darüber, dass ich meinen Flug verpassen könnte. Ich habe alle Zeit der Welt, auf mich wartet kein Job mehr, und ein weiterer Abend mit Julia käme mir gelegen. Nein, ich sorge mich um mein Leben, denn unser Geländewagen rast mit bis zu 150 Sachen über die schneebedeckte Piste. Es gibt unangekündigte Spurwechsel über sechs Spuren. Das Wort »Mindestabstand« kennt unser Fahrer nicht. Es scheint, als versuche er, den Lada vor uns von der Straße zu drängen.
»Victor«, sage ich leise. »Es ist nicht so schlimm, wenn ich meinen Flug verpasse. Ich mach‘ mir vor Angst gleich in die Hose. Mein Leben ist mir wichtiger.«
»Haha, du Extremsnowboarder hast Schiss? Das soll was heißen. Es geht eigentlich nicht um dich. Ich muss zurück ins Büro, denn ich habe um elf ein Meeting. Fürchte, da musst du durch, Junge.«
Nach einer Horrorfahrt kommen wir endlich am Flughafen an. Victor sagt etwas auf Russisch zu seinem Fahrer und klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Ich habe weiche Knie.
»Jetzt musst du allein weiter, denn mir geht die Zeit aus. Mach’s gut, und lass uns am Wochenende mal telefonieren.«
Ich bedanke mich bei Victor für seine Gastfreundschaft und Fürsorglichkeit. Danach renne ich zum Terminal. Ich bin gerade noch rechtzeitig.
»Warum sind Sie so bleich im Gesicht?«, fragt die nette Dame am Check-in.
»Nichts«, antworte ich. »Hatte ’ne lange Nacht.«
»Na, hoffentlich war sie hübsch, und es hat sich gelohnt.«
»Ja, das war sie«, sage ich grinsend.
»Dann kommen Sie bald wieder nach Moskau, und fliegen Sie mit unserer Airline. Abflugzone A, Gate 10. Beeilen Sie sich, die Passkontrolle und der Sicherheits-Check brauchen immer eine Weile.«
Als wir abheben, sehe ich aus dem Fenster die graue und trostlose Moskauer Vorstadt. Ich lasse die letzten Tage noch mal Revue passieren. Nein, Moskau ist nichts für mich. Ich freue mich auf mein warmes Teneriffa. Doch Julia war klasse. Ich grinse vor mich hin und spüre ein wohliges Gefühl in der Magengegend. »Das sind wohl die berühmten Schmetterlinge im Bauch«, denke ich, als wir aus den Wolken fliegen und ich nach zehn Tagen endlich wieder die Sonne sehe.

