Victor gibt sich alle Mühe. Er nimmt sich so viel Zeit, wie er nur kann. Während er arbeitet, fährt mich sein Fahrer in der Stadt herum, und ich mache Sightseeing. Oder ich besuche fremde Leute, mit denen Victor Termine für mich gemacht hat. Ich soll die Stadt kennenlernen und möglichst viele Kontakte knüpfen. Einige der Meetings sind schon richtige Vorstellungsgespräche. Aber am Ende ist es immer das Gleiche:
»Sprechen Sie Russisch?«
»Nein, vor einer Woche wusste ich ja nicht mal, dass ich nach Russland gehe.«
»Schade. Ihr Lebenslauf ist sehr gut, aber ohne Russischkenntnisse können wir Sie nicht gebrauchen.«
Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich überhaupt hierherziehen will. Die Menschen auf der Straße blicken finster drein. Sie lächeln nie. In den Büros ist es das Gleiche. Nur, dass bei den Managern noch eine erhebliche Portion Arroganz dazukommt.
»Und wie war dein Tag?«, fragt Victor am Abend fürsorglich.
»Nicht so gut. Ich glaube, die Stadt ist nichts für mich. Die Menschen auch nicht. Irgendwie komme ich mit den Russen nicht klar.«
»Blödsinn!«, antwortet Victor. »Du musst nur hinter die harte Schale sehen. Dort ist ein weicher Kern. Und die Frauen! Ja, die sind ganz besonders. Komm, wir gehen erst mal Abendessen und danach noch auf einen Drink in eine Bar.«
So läuft das jeden Abend, seit ich in Moskau bin. Victor führt mich in eines der besten Restaurants der Stadt. Wir essen und reden. Irgendwann flirtet er mit den Damen am Nachbartisch, und danach geht’s mit den Mädels in eine Bar. Komischerweise sitzen in den Restaurants immer eine Menge Mädchen, meistens zu zweit vor einer Kanne Tee. Victor ist geübt. Er macht die Mädels innerhalb von wenigen Minuten klar und holt sie an unseren Tisch. Ich bin sprachlos. Fühle mich naiv. Ich weiß nicht, was ich mit meiner Gesprächspartnerin anfangen soll, denn die meisten sprechen kein Englisch, und Victor verliert bald die Lust am Übersetzen. Dazwischen sagt er Sachen wie: »Mann, die sind beide ganz heiß auf dich. Ich habe ihnen gesagt, dass du ein DJ bist, der in Spanien wohnt. Auf einer Insel.« Das stimmt sogar. Nur, dass ich kein Profi-DJ bin, sondern der ehemalige Manager einer Internetbude, und dass die Insel nicht das aufregende Ibiza ist, sondern das Rentnerparadies Teneriffa. Aber woher soll Victor das auch wissen?
»Welche von beiden willst du?«
Das ist Victors Standardfrage, und meine Antwort eigentlich immer die gleiche: »Keine.« Ich will nicht zickig sein, aber irgendwie machen mich die Mädels nicht an. Ich habe ein Verständigungsproblem und überhaupt langsam genug von der Stadt.
»O.K., O.K. Dann lass uns heute mal in einen Klub gehen.« Na endlich, mal was anderes. Unser Fahrer bringt uns hin. Als wir ankommen, stehen auf dem Gehweg schon Bentleys, große dunkle Geländewagen und dicke Mercedes-Limousinen.
»Was ist denn hier los?«, frage ich, aufgeregt wie ein kleines Kind vor dem Spielzeugladen.
»Das ist das Shambala, Moskaus bester Laden, und noch dazu läuft gerade eine Privatparty.«
»Haben wir denn eine Einladung?«
»Brauchen wir nicht«, antwortet Victor ein bisschen überheblich. Wir drängen uns an der Menschenmenge vorbei in Richtung Tür. Victor grüßt freundlich. Der Typ an der Tür schüttelt den Kopf und sagt auf Russisch so etwas wie »Sorry, heute haben wir eine Privatparty«. Victor fasst kurz in seine Manteltasche und gibt dem Türsteher die Hand. Der nickt nun freundlich und schiebt das Gitter weg. Victor zieht mich an der Jacke in einen dunklen, heruntergekommenen Hof. Links ist eine Tür, und von dort hört man schon das Wummern der Bässe. Ja, das klingt nach einer guten Party. Drinnen geht es zur Garderobe. Ich bin überrascht, dass weder der Klub noch die Garderobe etwas kosten.
»Wie hast du uns eigentlich reingebracht?«, frage ich Victor. Der grinst und zieht einen 1000-Rubel-Schein aus seiner Jackentasche, bevor er sie abgibt.
»Es war sogar billiger, als ich dachte. Ich hatte mit 2000 Rubel gerechnet.« Das sind ungefähr fünfzig Euro. »Er hat uns dann aber beide für Tausend gehen lassen.«
So kenne ich Victor, das kleine Schlitzohr.
Wir gehen die Treppe hinunter. Der Klub ist nicht groß, aber es gibt zwei Tanzflächen. Eine liegt direkt über der anderen und hat einen Boden aus Glas. Sie scheint heute geschlossen zu sein. Unten tummeln sich eine Menge Teenager. Im ganzen Klub, so scheint es, ist keiner älter als 19 Jahre, mal abgesehen von den Bedienungen und ein paar Bodyguards. Ansonsten sind Victor und ich mit über dreißig schon die Ältesten hier.
»Rich Kids«, sagt Victor. »Keine Ahnung, was der Anlass der Feier ist. Vielleicht ist es ein Geburtstag, vielleicht auch eine Studentenfete.«
»Und die Nobelkarossen draußen? Wem gehören die?«
»Den Kids natürlich. Mann, du bist in Moskau. Komm, wir gehen uns einen Drink holen. Die sind heute umsonst. Zahlen auch die Kinder der Reichen. Genieße es.«
Victor geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach und macht Frauen an. Oder soll ich lieber »kleine Mädchen« sagen? Ich bin ein bisschen gelangweilt, allerdings nur kurz, denn dann fällt mir auf, dass auf der gläsernen Tanzfläche über uns zwei Mädels tanzen. Beide sind splitterfasernackt. Nach einer Weile kann man es wohl nicht mehr »tanzen« nennen, denn sie spielen miteinander, streicheln und küssen sich. Und immer wieder machen sie einen Spagat und pressen ihre Vaginas gegen das Glas. Ich muss wohl ziemlich gestarrt haben, denn nach einer Weile kommt Victor auf mich zu und fragt: »Was schaust du denn so blöd? Das ist ganz normal hier. Komm, wir gehen rüber auf die Treppe, von der Seite können wir das Spektakel besser sehen.«
»Sind die Mädels hier alle glatt rasiert?«, frage ich, während ich zusehe, wie sie sich gegenseitig Chupa Chups einführen.
»Ja, das ist üblich«, antwortet Victor souverän. Eine der Tänzerinnen flirtet mit mir, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das ernst meint oder ob das Teil ihrer Show ist.
Als ich mich umdrehe, hat Victor schon wieder zwei Frauen angequatscht.
»Hey, das ist Chris von den Kanaren«, stellt er mich vor. »Er ist Profisurfer und DJ.«
Na ja, dieses Mal hat er es fast richtig hinbekommen. Ich war immerhin mal Profi-Snowboarder, da sieht das Sportgerät ähnlich aus wie ein Surfbrett.
»Das sind Nastia und Sveta«, meint er. Beide sind kaum älter als 18, sehen aber sehr elegant aus. Es sind nicht die typischen Vorstadtmädchen, die Victor sonst anschleppt. Und siehe da, beide sprechen Englisch. Nach einer Weile erfahre ich, dass Nastias Vater im Ölgeschäft ist und Svetas Papa ein Baulöwe. Die Mädchen gefallen mir, und ich warte schon auf Victors »Welche willst du?«-Frage. Doch dann stupst mich jemand von hinten an. Ich drehe mich um: Ein Mädchen steht hinter mir. Sie ist wunderschön, hat blondes mittellanges Haar und blaue Augen. Sie muss Anfang zwanzig sein. Irgendwie passt sie nicht in diese Gesellschaft, ihre Ausstrahlung ist eher ländlich-naiv. Sie hat eine Zigarette in der Hand und fragt eindeutig nach Feuer, obwohl ich wieder einmal gar nichts verstehe.
»Sorry, ich rauche nicht«, antworte ich. Sie dreht sich weg. Irgendwie kommt mir das Mädchen bekannt vor. Als ich sie näher betrachten will, grinst sie mich an und steckt sich einen Chupa Chups in den Mund. Ich muss lachen und gehe zu ihr rüber. Wir versuchen, ein paar Worte zu wechseln, doch sie spricht kein Wort Englisch. Mit Händen und Füßen kommen wir auch nicht weiter. Ich drehe mich zu Victor um, doch der ist weg.
»Sorry, ich muss kurz meinen Freund suchen. Lauf nicht weg«, sage ich. Sie lächelt beschämt.
Victor steht an der Bar und spricht mit einer anderen Frau. »Was ist mit Nastia und Sveta?«, frage ich.
»Die sind beide recht schnell abgezogen, als du zu der Blonden rüber bist. Die hatten nur Interesse an dir. Aber keine Angst, ich hab ein Date für Sonntag ausgemacht. Dann ist R ’n‘ B Night im Garage Klub. Ist auch ein guter Klub. Was war das für ein blonder Engel?«
»Das war eine der Stripperinnen. Los! Komm mit. Du musst übersetzen. Die machen wir klar! Und die hatte ja noch eine Partnerin.«
»Hm, das kostet Geld«, meint Victor.
»Echt? Meinst du? Ich habe das Gefühl, dass das auch ohne geht.«
»Na schau’n wir mal«, meint Victor. Doch als wir an der Ecke angelangt sind, an der ich sie zurückgelassen hatte, ist sie weg.
»Tja«, meint Victor. »Da war ein anderer wohl schneller. Komm, lass uns nach Hause gehen. Ich muss morgen arbeiten.« Ich bin enttäuscht, aber schwärme auf dem Weg nach Hause von der »Chupa-Chups-Frau«. Heute hat mir Moskau zum ersten Mal gefallen.

