Drei Monate nach meinem Umzug nach Moskau ziehe ich mit Julia zusammen. Wir haben ein günstiges Apartment mitten in der Stadt gefunden. Nun wohnen wir an der Metrostation Majakowskaja. Von dort hat Julia es nicht weit zum Bolschoi. Ich zahle fast die ganze Miete. Julia gibt einen symbolischen Betrag dazu, denn sie verdient als Ballerina weniger als 1000 Euro im Monat, und die Wohnung kostet allein 800 Euro Miete. Das Apartment hat drei Zimmer, ist aber schrecklich eingerichtet. Im Schlafzimmer hängen rosafarbene Vorhänge mit Spitze an den Enden. Die Küche ist spartanisch möbliert, und der Gasherd ist noch aus den 80ern.
Das alles ist mir egal. Hauptsache, ich bin mit Julia zusammen. Ich denke, ich habe meine Traumfrau gefunden. Julia ist intelligent, sieht gut aus und liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Sie geht am Morgen zum Training, kommt aber am Nachmittag, vor der Abendvorstellung, nach Hause, und wir haben viel Spaß.
Es ist Mai und nicht mehr weit bis zu Julias Geburtstag. Wir reden am Abend über ihre Party, und ich lerne, dass man in Russland seine Freunde in ein Restaurant einlädt. Das kostet dann um die 1000 Euro. Dafür bekommt man von ihnen auch ziemlich teure Geschenke. Julia erwartet Präsente im Wert von zwei- bis dreihundert Euro von ihren Freundinnen. »Mann o Mann«, denke ich. »Wie viel muss ich dann erst investieren? In den letzten Monaten hatte ich kaum Arbeit, und langsam geht mir das Geld aus.«
An diesem Abend haben wir Sex miteinander, fallen danach erschöpft in die Federbetten und schlafen ein. Bevor ich wegdöse, denke ich: »Was für eine Frau! Volltreffer. Die will ich heiraten.«
Am nächsten Tag steht Julia mit dem falschen Fuß auf, denn schon am Morgen provoziert sie einen Streit, obwohl es dazu gar keinen Anlass gibt. Das ist der Anfang vom Ende. Von diesem Tag an wird es immer schlimmer. Julia scheint unzufrieden mit mir, meinem Einkommen und meinem Sozialstatus. Auf der anderen Seite sagt sie mir immer wieder, dass sie mich liebt. Zwei Monate später habe ich noch immer keinen Job, und mir geht definitiv das Geld aus. Julia hat den Sommer über frei und will in den Urlaub fliegen. Als ich ihr sage, dass ich mir das im Moment nicht leisten kann, ist sie enttäuscht.
»In Russland zahlt ein Mann für seine Frau«, sagt sie und reibt damit Salz in meine offenen Wunden. Ich bin am Ende. Jetzt bin ich in einem total fremden Land, versuche, mich gerade zurechtzufinden und Geld zu verdienen, fühle mich von der Situation sowieso schon überfordert, und nun nennt mich meine einzige Bezugsperson, meine Freundin, auch noch einen Verlierer. Mir ist zum Heulen. Doch das bringt nichts. Ich war noch nie jemand, der aufgibt. Nach kurzer Zeit fange ich mich und schlage verbal zurück.
»Sag mal, spinnst du? Weißt du überhaupt, warum ich hier bin und warum ich in dieser schlimmen Lage bin? Wegen dir, Julia. Wegen dir. Ich bin deinetwegen hergekommen!«, schreie ich sie an.
Danach ist Julia ruhig. Eine Woche später buchen wir den Urlaub. Ich habe mir Geld von meiner Mutter geliehen, und Julia zahlt ihren Anteil selbst.

